Halima, Fachzeitschrift für orientalischen Tanz, Ausgabe April 1998

.. und da will ich hin
Portrait der Tänzerin Djamila von Helena Lehmann

Neugierig, lustig, kritisch und mit einer gehörigen Portion gesundem Menschenverstand ausgestattet, traf ich DJamila mitsamt Katzen, Ehemann und selbst gepflücktem, frisch zubereitetem Minztee, an einem trüb-verregneten Frühlingstag in Hanau, zu Hause an. Der Streß des Tages hatte mir an diesem TAg ziemlich zugesetzt. Mit grummendem Magen, durstiger Kehle und fasdt außer Atem ließ ich mich auf das große Sofa fallen, während Djamila die Katzen nebst Mann in den Rest der Wohnung verbannte. und so, in aller Ruhe, entsickelte sich ein sehr angenehmes, witziges und anregendes Gespräch. Djamila als die Kliene hinter Reyhan zu bezeichnen, scheint mir ziemlich unverfroren. Djamila ist nicht nur körperlich eine große Frau, sie ist auch eine absolut eigenständige, selbstbewußte und zielstrebige Persönlichkeit mit eigenen Ansichten und Temperament. Es gibt wenig Frauen, die so jung wie Djamila, schon einige Jahre TANz- und Lehrerfahrung auf dem Buckel haben. Auch ihre erfrischend-unverschleierten Ansichten zeigen, daß sie aus den Jahren, die hinter ihr liegen, sehr viel gelernt hat.

Djamila befaßt sich seit 1989 intensiv mit dem orientalischen Tanz. Ihre Ausbildung erhielt sie bei verschiedenen, namhaften Dozenten aus Deutschland, Ägypten und den USA. Nach einigen Jahren wandte sie sich dem ägyptischen Stil zu, dem heute ihre besondere Vorliebe gibt. Maßgeblich beeinflußt wurde sie dabei vor allem durch den Unter- richt und die Zusammenarbeit mit Reyhan. Neben ihrem "bürgerlichen" Beruf ist Djamila seit 1990 auch als Lehrerin für orientalischen Tanz in verschiedenen Städten tätig. 1994 gründete sie gemeinsam mit Reyhan "Das orientalische Tanzzentrum Rhein- Main", die Orienta, eine internationale Messe rund um den Orient, die jedes Jahr am 2. Wochenende im November in Frankfurt veranstaltet wird und 1997 kam noch der Reiseführer "Kairo für orientalische Tänzerinnen" dazu. Im September letztes Jahres eröffneten sie ihr gemeinsames Studio "Orienta" in der Frankfurter Innenstadt.

Helena: Gab es bei dir schon sehr frühe Berührungen mit dem Orient, die dich für den orientalischen Tanz anfällig machten ?
Djamila: (überlegt) Eigentlich nicht. Ich kam durch eine ganz andere Begebenheit dazu. Ich hatte mit 15 einen furchtbar eifersüchtigen Freund und da ich sehr gerne getanzt habe, wurde alles, was beim tanzen mit Männern zu tun hatte, von ihm "nicht gebilligt". (lacht) Also, wenn ich schon tanzen wollte, dann aber bitteschön etwas, wo ich keinen Mann begegne! Ich war eben auch noch in einem Alter, in dem man sich von seinem Freund, zumal wenn er etwas älter ist, noch einiges "sagen" läßt ich habe alles mal probiert, etwas Jazztanz und oft bei Gruppen, die sich nach einem halben Jahr wieder auflösten im Zuge davon bin ich dann zum orientalischen Tanz gekommen, weil ich da ja "unter Frauen" war.
Helena: Wann hast Du mit orientalischem Tanz angefangen ?
Djamila: Ich habe Ende 1988 angefangen zu lernen. Nach ca. 1 -2 Jahren bin ich dann auch schon aufgetreten und sein ganzer Plan, mich von anderen Männern fernzuhalten, kehrte sich ins Gegenteil um. Ich wollte aber unbedingt weitermachen und auch auftreten und ich entschied mich für das was mir wichtig war. Er stellte mich dann vor die Entscheidung "Wenn Du auftrittst, trennen wir uns". Das Ergebnis davon war, daß wir trotzdem zusammenblieben.
Helena: Hattest Du jemals Probleme mit deiner Umgebung, in Bezug auf orientalischen Tanz ? Gab es da Kommentare und dumme Sprüche ?
Djamila: (lacht) Ja klar, ich glaube es ist heu- te auch nicht anders als vor 8 Jahren. Die Frauen in meinem Kurs erzählen mir immer noch; daß dumme Sprüche kommen. Aber wenn du nicht auf den Mund gefallen bist und das Passende antworten kannst, dann legt sich das recht schnell. Ich erinnere mich noch an einen meiner Kollegen, der war immer to- tal neugierig und fragte mich alles mögliche aber ich hatte nie irgendwelche ernsthaften Probleme. Mich hat noch nie jemand angetatscht oder unangenehm angemacht. Ich denke, es kommt ganz stark darauf an, wie eine Tänzerin auf die Leute wirkt, und das hat nicht unbedingt etwas mit dem Tanzstil der Frau zu tun.
Helena: Nesrin Topkapi sagte einmal "eine Frau kann sich immer entscheiden (im Tanz) eine Lady zu sein", siehst du das genauso ?
Djamila: Ich denke diese Sache hat gar nicht so sehr etwas mit der Tanzerei zu tun. Es gibt Frauen die ständig blöd angemacht werden und es gibt Frauen, da merkt jeder Mann "mit der kann ich's nicht machen". Daß dir mal jemand hinterher pfeift oder ruft, ist was anderes. Aber es ist einfach so, daß ein gewisser Typ Frau eine Ausstrahlung hat, bei der die Männer glauben, wenn sie Nein sagt meint sie eigentlich Ja.
Helena: Merkst du einen Unterschied im Feedback, wenn du Männer antanzt oder Frauen ?
Djamila: Wenn du vor Publikum tanzt, mußt du auch immer für das Publikum tanzen. Dabei tanze ich vor Frauen genauso wie vor Männern, wenn ich den Kontakt zum Publikum suche. Wenn es allerdings kritisch ist, konzentriere ich mich erstmal auf die Frauen. (lächelt) Wenn du die Frauen auf deiner Seite hast, hast du auch die Männer gewonnen.
Helena: Wie kamst Du zu deinem ersten Unterricht ?
Djamila: An der Volkshochschule in Hanau wurden Kurse angeboten. Ich meldete mich an und wollte es mal ausprobieren. Nach einem Jahr hat unsere Lehrerin aufgehört und ich wollte auf jeden Fall weitermachen... das ist ja auch das Schöne am orientalischen Tanz, du braucht nicht unbedingt eine Gruppe um was machen zu können, ...auf jeden Fall wollte ich weitertanzen und so suchte ich in der Umgebung nach anderen Möglichkeiten.
Helena: War der orientalische Tanz denn schon verbreitet im Rhein-Main Gebiet und wie verlief deine Suche weiter ?
Djamila: Bis auf diesen VHS-Kurs gab es direkt in meiner Gegend eigentlich nichts. Zusammen mit einer anderen Frau aus der Gruppe bin ich dann am Wochenende öfter zu Workshops gegangen, "quer durch den Gemüsegarten", ich habe mir wahnsinnig viel angeschaut und bei vielen, verschiedenen Sachen mitgemacht.
Helena: Hast du durch den Workshop-Unterricht erst deine tänzerischen Vorlieben entdeckt ?
Djamila: In der Zeit, als ich mit den Workshops begann, merkte ich erst, daß ich in dem einem Jahr an der Vhs eigentlich nur sehr wenig gelernt habe. Von da ab habe ich natürlich alles, was sich mir anbot, einfach "mit- genommen". Nach und nach merkte ich, daß mir einige Lehrerinnen von ihrer Unterrichts- art einfach besser lagen als andere. Vom Tanz her konnte ich eigentlich noch nicht genau differenzieren, was mir besser lag, ich fand irgendwie alles toll. (lacht) Der Punkt, an dem ich merkte, in welche Richtung ich im orientalischen Tanz gehen will, war, als ich das erstemal bei Reyhan im Workshop gelandet bin.
Helena: War dieser Workshop mit Reyhan für dich also eine Art "Liebe auf den ersten Blick", indem ihr euch kennengelernt und sofort verstanden habt ?
Djamila: Nein, das war eigentlich ganz anders und ziemlich witzig. Irgendwann wollte ich mir mein zweites oder drittes Kostüm kaufen und mein Kollege brachte mir eine Anzeige mit, "Bauchtanzkostüme zu verkaufen". Ich rief an und es war Reyhan wir ha- ben bestimmt über eine Stunde telefoniert. Ich bin dann zu ihr gefahren, damals habe ich gerade 2 oder 21/2 Jahre Unterricht gehabt und seit 1/2 Jahr Auftritte gemacht, und es entstand ein sehr nettes, aber auch sehr distanziertes Gespräch. Mein Eindruck von Reyhan war, daß sie auf mich ziemlich ab- gehoben wirkte. Ihr Eindruck von mir war wohl eher der: "...was will mir dieser junge Hüpfer eigentlich erzählen"...(lacht)...es war ein völlig distanziertes Verhältnis. Ich hatte auf jeden Fall ihre Workshop- Termine und meldete mich für einen an, so nach dem Motto "mal schauen was sie so macht. Im zweiten Workshop, das Thema war Baladi, sah ich Reyhan dann auch richtig tanzen, da machte es bei mir irgendwie "Klick" und ich wußte: "Wow - das ist es, genau das hast du gesucht, genau so willst Du tanzen." Von da an war ich öfter bei Reyhan im Unterricht, abe richtig intensiv wurde unsere "Beziehung" erst, als ich in Hanau die erste Veranstaltung plante. Der Anstoß ging von einem esoterischen Buchladen aus, bei dem ich auch Kurse anbot - aber diese Beziehung hatte sich recht schnell zerschlagen. Eines Tages fragte dann Reyhan was meine Veranstaltung so macht und da bot sie mir an, die geplante Veranstaltung zusammen zu verwirklichen und das war auch der Anfang unserer sehr engen Zusammenarbeit.
Helena: Reyhan nennt dich zärtlich ihre "tänzerische Tochter", ist sie für dich wie eine Mutter oder eher eine Schwester, die dich führt und großen Einfluß auf dich hat ?
Djamila: Ich würde sie schon als Mutter be- zeichnen. Jedoch erstreckt sich das nicht nur auf den tänzerischen Bereich. Mir fällt da ein Vergleich ein zu unserer Show "Mohammed- Ali-Straße, die wir gemeinsam auf die Bühne brachten. In der Show gab es die Rolle einer alten Tänzerin, die das ganze junge Gemüse um sich herum gesammelt hatte und dann Unterricht gab. Im Programmheft stand über ihre Rolle folgendes:"...ihre Lehrerin allen Fragen des Lebens, wie auch der Tanzkunst." Und das beschreibt unsere Beziehung ganz gut. Nicht nur eine Tanzlehrerin, sondern jemand, der dich in deiner gesamten Entwicklung beeinflußt. Wenn ich eine Entscheidung treffen mußte, oder einen Rat brauchte, konnte ich immer zu Reyhan kommen. Sie war ja u.a. auch meine Trauzeugin...(lacht}.. Ich bin mir bewußt, daß viele sagen: "Djamila ist nur die Kleine, die Reyhan alles nachmacht und immer mit ihr herumzieht." Sie kritisiert mich und lobt mich und ich weiß, daß, wenn Reyhan etwas sagt, sie es auch wirklich ehrlich meint und ich habe sehr viel von ihr gelernt.
Helena: Wie war denn eure erste Veranstaltung?
Djamila: Das war in Hanau, in einem ganz kleinen Bürgerhaus. Ich sage immer, das war die „2-Women-Bellydance-Show“, denn die ganze Veranstaltung bestand aus Reyhan und mir, zwei Musiker und Mahmoud Mustafa mit seiner damaligen Partnerin Martina. Ansonsten haben wir zwei alles alleine gemacht, d. h. wir haben nicht nur getanzt, wir haben auch die Stühle gestellt, die Lichtanlage installiert und den ganzen Tag aufgebaut. Später haben wir uns immer gewundert, wie wir alles alleine hingekriegt haben, denn je länger wir die Veranstaltungen machten, desto mehr Tänzerinnen und Künstler kamen dazu.
Helena: Folgten noch weitere Shows ?
Djamila: Nachdem unsere Sache gut ankam, folgte noch eine Veranstaltung über 2 Tage im Frühjahr des darauffolgenden Jahres. Wie haben dann noch einige Shows zusammen in Hanau gemacht und auch Veranstaltungen in vielen anderen Städten organisiert. Eine Show, diewirnur2 mal aufgeführt haben und die den Namen "Die Mohammed-Ali-Straße" trug, war eine Verquickung zwischen Show und Theaterstück. Das Stück zeigte die Mohammed-Ali-Straße in Kairo, einmal tagsüber und einmal abends im Nachtclub.
Helena: Seit wann gibst Du Unterricht ?
Djamila: Das fing 1991 an. Die Vhs, an der ich selbst angefangen hatte zu tanzen, such- te händeringend eine Kursleiterin und ich fing dann zusammen mit einer Frau aus meinem Anfängerkurs an zu unterrichten.
Helena: Was hat sich an deinen Schülerinnen im Laufe deiner Unterrichtszeit verändert ?
Djamila: (überlegt)...ein bisschen bequemer sind sie vielleicht geworden. Das hängt vielleicht damit zusammen, daß vor 10 Jahren noch wirklich gesucht werden mußte, um ein Angebot zu finden. Heute gibt es so viele Möglichkeiten. Ich versuche im Unterricht die Frauen kritischer zu machen, nicht einfach alles zu nehmen und glauben, sondern auch zu hinter- fragen. Tanztechnisch und auch kulturell. Wenn du mal unser Programm durchliest, dann merkst du, daß wir nicht viele Choreographien anbieten. Ich möchte den Frauen, die den Tanz bei mir lernen, ein Gefühl dafür vermitteln, welche Bewegung passt zu welcher Musik, welcher Rhythmus erfordert welche Bewegungen und was habe ich noch für an- dere Figuren, die ich tanzen kann, ist es introvertiert oder extrovertiert
Helena: Du nennst dich Djamila, weißt du welche Bedeutung der Name hat und woher der Name kommt ?
Djamila: (lacht) Also den Namen habe ich wohl irgendwann aus einem Heft herausgesucht und ich glaubte, der Name bedeute "die Prächtige". Reyhan sagte mir dann später, daß der Name eigentlich "die Schöne" bedeutet. Doch zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Namen schon länger und wollte ihn dann auch nicht mehr ändern. Es gibt aber noch eine andere Geschichte zu meinem Namen, die ich erst später erfuhr - in einem alten Hollywoodfilm, Kismet hieß der Film glaube ich - spielt Marlene Dietrich die Rolle der Jamila. Irgendwie komisch, denn ich heiße ja auch Marlene.
Helena: Bist du neben privaten Festen auch in Restaurants aufgetreten ?
Djamila: Ganz selten, bis zum heutigen Tage. Ich war mal eine längere Zeit in Wiesbaden in einem Restaurant. Aber ich wollte auch nie länger irgendwo tanzen. Bei mir hört es spätestens dann auf, wenn der Wirt meint, er müsse mir Vorschriften über meine Musikauswahl, meine Kostüme oder die Gestaltung meiner Show machen.
Helena: In welchem Rahmen trittst Du am liebsten auf?
Djamila: Das kommt darauf an, manchmal tanze ich ganz gerne vor Publikum, das orientalischen Tanz womöglich noch nie vorher gesehen hat. Es ist aber natürlich mehr Anspruch für mich, vor Publikum zu tanzen, von dem ich weiß, da sitzen ein paar Leute, die sehen wie ich tanze, wissen warum ich die- se oder jene Bewegung mache und beurteilen können, ob ich gut oder schlecht tanze. Ich mache eigentlich bei des gerne. Reyhan und ich machen im Rahmen des Studios je- des Vierteljahr eine orientalische Party, das empfinde ich eigentlich als ideale Mischung. Du bist wie in einem Restaurant oder einer Feier ganz nah an den Leuten dran und trotz- 'dem kannst du sehr anspruchsvoll tanzen. Der Rahmen ist richtig familiär, ein wunderbares Gefühl und ganz anders, als wenn du weißt, jetzt muß ich raus auf die Bühne und vor 300 Menschen tanzen.
Helena: Was führte denn 1994 zur Gründung des orientalischen Tanzzentrums Rhein-Main ?
Djamila: Da wir im Laufe der Jahre sowieso schon eng zusammenarbeiteten, da dachten wir uns, wir könnten das Programm eigentlich auch zusammen erarbeiten und verschicken. Das war die erste Stufe. Und da wir auch viele Workshops gemeinsam anboten, z.B. auch Werbung für Workshops für verschiedene Dozentinnen doppelt machten, haben wir dem Kind einfach einen Namen gegeben. Da wir verstreut über das ganze Rhein-Main Gebiet waren, nannten wir es eben "Das orientalische Tanzzentrum Rhein-Main".
Helena: Ihr habt im Rahmen des Tanzzentrum Rhein-Main auch eine Tanzgruppe zusammengestellt...
Djamila: Wir hatten bei all unseren Veranstaltungen immer Gruppentänze, deren Besetzung öfter wechselte. Aber es gab immer einen harten Kern von Frauen, die von Anfang an dabei waren. Der Name der Gruppe ist einfach, "Ensemble des orientalischen Tanzzentrums Rhein-Main", nichts hochtrabendes. Die Gruppe macht Folklore, keinen "Bauchtanz" in dem Sinne, jedoch vom folkloristischen her sehr verschiedene Sachen. Es sind im Moment 11 Frauen dabei, die Choreographien macht Reyhan, aber alles sonst wird im Kreise der Gruppe besprochen.
Helena: Und warum "nur" Folklore ?
Djamila: Wir orientieren uns sehr am Vorbild Ägypten. Bauchtanz in der Gruppe ... gibt es ja eigentlich nicht, es ist nicht authentisch. Wir bemühen uns aber, authentische Sachen auf die Bühne zu bringen. Ich muß dazu sagen, daß das Ensemble nicht so sehr im Rahmen von orientalischen Tanzfesten auftritt, sondern eher bei Ausländerfesten, usw.. Die Folklore ist so weitläufig und es gibt so viele verschiedene Bereiche.
Helena: Wie würdest Du deinen Tanzstil beschreiben ? Was fordert dich am meisten ?
Djamila: Am meisten interessiert mich alles, was mit dem ägyptischen Stil zusammen- hängt. Es ist die Richtung an der ich mich am meisten orientiere. Wenn du dich intensiv mit dem Tanz beschäftigst, brauchst du schon alleine viele Jahre um die Technik zu lernen. Dann kommt die Musik, die Interpretation der Musik, das Gefühl für die Musik, die ganze Kultur und die Aussagen des Tanzes ... ich kann mir nicht vorstellen daß ich jemals "ausgelernt" haben werde.
Helena: Mit welchen Wissensquellen deckst du dich ein, um tiefere Kenntnisse über den Tanz und seine kulturellen Wurzeln zu bekommen ?
Djamila: Literaturquellen gibt es ja leider fast gar keine. Auch hier habe ich sehr viel von Reyhan gelernt. Es ist schwierig, selbst et- was herauszufinden, weil die Ägypter das Wissen um den Tanz oft als selbstverständlich ansehen und ihr Wissen nicht einfach weitergeben und aufschreiben, die wachsen damit auf. Alleine das Wissen, daß es weibliche und männliche Folklore gibt und beides nicht gemischt werden kann. Ein Ägypter sieht sofort, wenn eine Frau von einem Mann Bewegungen beigebracht bekommen hat.
Helena: Gibt es etwas, was dich an der deutschen Bauchtanzszene freut oder auch stört ?
Djamila: Ja, schon. Ich muß dazu sagen, ich bin Schütze und es geht gegen meinen Gerechtigkeitssinn, wenn sich eine Tänzerin mit allem möglichen Können brüstet, von dem ich weiß, es stimmt einfach nicht. Ich habe nichts dagegen, wenn Leute Phantasie- Tänze machen. Ich habe nur etwas dagegen wenn es heißt "ich tanze klassisch ägyptisch" und es ist reine Phantasie. Sowas kann mich auf die Palme bringen. Oder wenn ich höre, "...ich kann alles aus dem ägyptischen Tanz, ich bin jetzt eine Sphäre höher, ich entwickle diese Kunst jetzt weiter". Wenn wir einen völlig fremden Tanz erlernen, mit völlig fremden Lebensgefühlen einer anderen Kultur, einer völlig anderen Musik arbeiten und dann Frauen nach 3 Jahren sagen, "...ich kann das jetzt alles, ich mach jetzt was Neues daraus", dann finde ich das nicht nur anmaßend, sondern auch sehr schade. So viele Frauen in Deutschland setzen sich ernsthaft und intensiv mit dem Tanz auseinander, ich würde es mir schon wünschen, daß man sich mehr am Ursprung des Tanzes orientiert und den Tanz nicht zur Präsentation der Eitelkeiten benutzt. Was schön ist, daß es in Deutsch- land unheimlich viele Angebote und eine große Auswahl gibt. Allein hier im Rhein- Main-Gebiet sind eine Menge Leute aktiv, es wird vielorganisiert und veranstaltet.
Helena: Wie würdest Du denn die Konkurrenzsituation im Rhein-Main-Gebiet beschreiben ?
Djamila: Im Großen und Ganzen kommt man eigentlich ganz gut miteinander aus. Ich den- ke, die Szene hier unterscheidet sich nicht so sehr von der in Berlin oder München. Konkurrenz ist eigentlich immer da, aber das kann ja auch positiv sein, indem man angespornt wird. Eine gesunde Portion Konkurrenz belebt auch das Geschäft, schlimm wird es nur, wenn es gar nicht mehr um die Sache geht, sondern die Kritik sich auf den sehr persönlichen Bereich bezieht. Wenn das passiert, was leider auch schon oft genug der Fall war, dann tut es doch schon ziemlich weh. Ich trage, wie man so schön sagt, mein Herz auf der Zunge, was nicht immer ein Geschenk ist. Aber ich stehe dann auch zu meiner Meinung und damit kann ich ganz gut leben.
Helena: Gibt es Tänzerinnen, die du bewunderst ?
Djamila: Ich versuche mir so oft es geht ägyptische Tänzerinnen anzusehen. Früher habe ich mir sehr oft Mona Said angeschaut, die fand ich ganz toll. Je perfekter etwas dargeboten wird, desto leichter sieht es aus. Das Vorurteil vieler Frauen über ägyptische Tänzerinnen ist ja, daß die ja überhaupt nichts arbeiten... (lacht)...weil das eben so locker 'rüber kommt, es sieht so einfach und so spielerisch aus - erst nach einigen Jahren sieht man, was da für eine Wahnsinnsarbeit dahintersteckt.
Helena: Glaubst du, der Tanz beeinflußt die Persönlichkeitsentwicklung ?
Djamila: Du lernst bestimmt mehr, dich selbst besser zu akzeptieren. Als ich anfing, war ich eher unsicher und hatte bestimmt auch einige Komplexe. Heute bin ich mit mir selbst zufriedener, und das ist etwas, was man auch nach außen hin ausstrahlt. Manch- mal ist es auch interessant zu beobachten, wie sich das Selbstbewußtsein bei einigen Frauen doch sehr verändert ... (lacht)...ich habe mal erlebt, wie bei einer Veranstaltung eine Tänzerin, die sehr von sich selbst Über- zeugt war, auftrat. Sie tanzte ihren Tanz und stand dann hinter der Bühne mit uns anderen und sagte: "Sie rufen alle Zugabe, sie rufen alle Zugabe, ich muß schnell noch einmal raus." Und wir schauten uns alle hinter der Bühne verwirrt an, denn es hatte wirklich niemand sonst Zugaberufe gehört...
Helena: Was hältst du von dem sog. "Bauchtanzdiplom" das oft angeboten wird ?
Djamila: (gestikuliert) Das ist doch mal wieder was typisch Deutsches. Wir schwingen uns auf und führen ein Diplom ein. "Jetzt müßt ihr eine Ausbildung machen und eine Fortbildung, dann erst dürft ihr unterrichten !" Da wird doch das Pferd von hinten aufgezäumt. Es unterrichten mittlerweile schon so viele, es wäre doch blödsinnig anzufangen, diejenigen auszugrenzen, die sich zuhause eben kein Diplom an die Wand hängen können oder möchten. Außerdem liegt es doch auf der Hand, daß man jemanden, der vielleicht 3000 bis 4000 DM bezahlt hat, nach 2 Jahren nicht sagt: "Tut mir leid, du bist durchgefallen." Ich finde diese ganze Entwicklung sehr bedenklich. Und woher haben diejenigen, die ausbilden, denn ihre Kenntnisse ? Wer kann, wer sollte, wer darf denn darüber entscheiden, wer unterrichten darf und wer nicht ? Wir bieten auch einen Kurs an, indem wir Frauen, die schon unterrichten oder in 2 Jahren anfangen wollen zu unterrichten, einfach helfen. Ohne dieses DU DARFST und DU DARFST NICHT. Wenn man unterrichtet, sollte man schon vorbereitet sein, was alles auf einen zukommen kann, das ist sehr wichtig. Aber das geht auch ohne Diplom.
Helena: Ganz spontan: Was fällt Dir zum orientalischen Tanz ein ?
Djamila: (seufzt und überlegt lange) Mein zweites Leben! Oder: Die zweite Hälfte meines Lebens! Weil ich auf der einen Seite meinen normalen Beruf habe, den ich auch liebe und auf der anderen Seite den Tanz, den ich auch liebe. Für mich ist der Tanz nicht nur ein Hobby oder eine Leidenschaft, für die ich mich begeistere, sondern wirklicher Teil des Lebens. Weißt du, ich bin mal am Fuß operiert worden und konnte 4 Wochen nicht tanzen - das war schrecklich! Ich mußte wieder tanzen! Alleine die Vorstellung, daß etwas passieren könnte und ich nicht mehr tanzen könnte, ist eine absolute Horrorvorstellung für mich..
Helena: Woran orientierst und motivierst du dich ?
Djamila: Ich setzte meine Maßstäbe lieber zu hoch und überlege, was ich noch alles lernen muß, als daß ich glaube, ich bin fertig. Man sollte sich immer an etwas orientieren, wo man noch etwas erreichen und dazulernen muß. Mein Anspruch kann nicht sein, eine schlechtere Tänzerin zu sehen und mich zu freuen, wie gut ich doch bin. Mein Anspruch ist: "Die ist besser als ich und da will ich hin."
Helena: Ich danke dir für dieses offene Gespräch.